Was kann man von Schildkröten lernen?

Der Titel klingt schon komisch, oder?
Du wirst es verstehen, wenn du die Geschichte dazu gelesen hast.

Ich bin vor ca. 3 Jahren auf ein wunderbares Buch gestoßen: „Das Cafe am Rande der Welt: eine Erzählung über den Sinn des Lebens“ von John Strelecky.

Während des Lesen habe ich abwechselnd geschmunzelt und geweint.
Und mir sind so viele Sachen über mich, mein Leben und Verhalten klar geworden.
Ich habe meinen ZDE gefunden. Was ist das denn fragst du dich?

Kurze Inhaltsangabe:

John, ein stets gestresster Manager, hat sich eine Woche Urlaub genommen, um Abstand von seiner Arbeit und allem Drumherum zu bekommen. Er hat das Gefühl sein Leben mehr und mehr gegen Geld einzutauschen, wobei ihm das kein besonders guter Handel zu sein scheint. Er fragt sich selbst welchen Sinn es macht, täglich zehn bis zwölf Stunden im Büro zu verbringen und auf eine Beförderung hinzuarbeiten, die dann wahrscheinlich Zwölf- bis Vierzehn-Stunden-Tage nach sich ziehen würde.

“Ich hatte die Reise unternommen, um Frustrationen zu vermeiden. Davon gab’s zu Hause reichlich, im Job, mit Rechnungen und in gewissem Maße mit dem Leben im Allgemeinen.” Die Reise sollte eine “Gelegenheit sein, mich zu entspannen und ‘meine Batterien wieder aufzuladen’”.

Wobei er selbst richtig erkennt, dass “Batterien aufladen” eigentlich keine positive Redewendung darstellt.
Auspowern. Wieder auflanden. Auspowern. Wieder aufladen.

John wollte dieser Tristesse entfliehen und machte sich mit seinem Auto auf den Weg in den Urlaub. Um einen Stau zu umgehen, weicht  er von der vorgesehenen Route ab und landet, auf der Suche nach einer alternativen Strecke, zufällig vor einem kleinen weißen, rechteckigen Gebäude namens Das Café der Fragen. Hungrig und orientierungslos geht er hinein.

Zweck der Existenz

Auf der Menükarte findet er neben verschiedenen Speisen auch folgende drei Fragen, über die er nachdenken könne, während er auf sein Essen wartet:

  • Warum bist Du hier?
  • Hast Du Angst vor dem Tod?
  • Führst Du ein erfülltes Leben?

Bei der ersten Frage geht es natürlich nicht darum, warum John in diesem Cafe sitzt. Sondern warum jemand überhaupt existiert. Korrekterweise müsste sie deshalb eigentlich lauten: Warum bin ich hier? Darauf macht die Bedienung John aufmerksam. Er soll die Frage so verändern, dass er diese nicht mehr an jemand anderen richtet, sondern an sich selbst.

Kellnerin Casey sagt zu ihm: “Es ist eine Frage, die man sehr ernst nehmen sollte. Sie zu Lesen ist eine Sache. Aber wenn Sie über das Lesen hinausgehen, wenn Sie sie wirklich wahrnehmen und sich diese Frage selbst stellen, dann verändert sich Ihre Welt.” Denn: “Sobald Sie sich die Frage stellen, wird die Suche nach einer Antwort zu einem Teil Ihres Daseins werden.” Und sie wird schwer zu ignorieren sein.“

Wie seltsam – doch einmal neugierig geworden, will John mithilfe des Kochs, Kellnerin Casey und eines Gastes dieses Geheimnis ergründen.
Die Fragen nach dem Sinn des Lebens führen ihn gedanklich weit weg von seiner Vorstandsetage an die Meeresküste von Hawaii.
Dabei verändert sich seine Einstellung zum Leben und zu seinen Beziehungen und er erfährt wie viel man von einer weisen grünen Meeresschildkröte lernen kann. So gerät diese Reise letztlich zu einer Reise zum eigenen Selbst.

Die Geschichte der grünen Meeresschildkröte in diesem Buch ist so wunderbar, dass ich diese  in meinen Coachings oft verwende.
Deshalb wollte ich sie gerne mit euch teilen. Das Buch lege ich euch sehr ans Herz, es ist recht dünn und kann schnell gelesen werden. Ein ebenso lebendig geschriebenes, humorvolles wie anrührendes Buch, das du nicht mehr aus der Hand legen kannst – versprochen.
Bei mir war es nach einem Wochenende passiert und ich war von John Strelecky „infiziert“

Auch die Fortsetzung: Wiedersehen im Café am Rande der Welt: Eine inspirierende Reise zum eigenen Selbst!  ist wirklich sehr lesenswert!

 

Zitat von John Strelecky
„Das ganze Leben ist eine tolle Geschichte (…) Einige Menschen erkennen bloß nicht, dass sie selbst die Autoren sind und die Geschichte so schreiben können, wie sie es möchten.“ 

Die grosse grüne Meeresschildkröte

aus „Das Café am Rande der Welt“

von John Strelecky
„So seltsam es sich auch anhören mag“, begann Casey, „eine der wichtigsten Lebenslehren in Bezug darauf, welche Dinge ich jeden Tag tue, hat mir eine grosse grüne Meeresschildkröte vermittelt.“
„Was hat sie Ihnen denn gesagt?“, fragte ich und konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

„Lustig, nicht wahr?“, meinte Casey und lächelte zurück. „Sie hat mir eigentlich nichts ‚gesagt‘, aber trotzdem habe ich eine ganze Menge von ihr gelernt. Während eines Urlaubs auf Hawaii schnorchelte ich einmal an der Küste entlang. Der Tag war bereits spektakulär gewesen, da ich zum ersten Mal in meinemLeben einen gepunkteten Aal sowie einen Tintenfisch gesehen hatte. Darüber hinaus gab es Tausende von Fischen in allen erdenklichen Farben, vom auffällig leuchtenden Neonblau bis zum tiefsten Rotton.

Ich war zirka 30 Meter vom Strand entfernt und tauchte gerade an einigen grossen Felsen hinunter, als ich rechts von mir eine grosse grüne Meeresschildkröte erblickte, die neben mir herschwamm. Ich hatte bisher noch nie eine in der freien Natur gesehen und war daher ausser mir vor Freude. Ich tauchte zur Oberfläche hoch, pustete das Wasser aus meinem Schnorchel und liess mich auf dem Wasser treiben, um sie zu beobachten.

Die Meeresschildkröte befand sich genau unter mir und schwamm vom Ufer fort. Ich entschloss mich, an der Oberfläche zu bleiben und sie eine Weile zu beobachten. Verblüfft stellte ich fest, dass es mir nicht gelang, so schnell voranzukommen wie sie, obwohl es so aussah, als würde sie sich ziemlich langsam vorwärts bewegen. Sie paddelte hin und wieder mit den Flossen, um sich dann einfach wieder im Wasser treiben zu lassen. Ich trug Schwimmflossen, die mir einen kraftvollen Vorwärtsschub verliehen. Ausserdem wurde meine Bewegung nicht durch eine Schwimmweste oder etwas anderes gebremst, doch die Meeresschildkröte entfernte sich immer weiter von mir, sosehr ich auch versuchte, mit ihr mitzuhalten. Nach zirka zehn Minuten hatte sie mich abgehängt. Erschöpft, enttäuscht und etwas beschämt darüber, dass eine Schildkröte schneller war als ich, machte ich kehrt und schnorchelte zum Ufer zurück.

Am nächsten Tag kehrte ich, in der Hoffnung, weitere Schildkröten zu sehen, an den gleichen Ort zurück. Und tatsächlich, zirka 30 Minuten, nachdem ich ins Wasser gewatet war, sah ich einen Schwarm kleiner schwarzgelber Fische sowie eine grüne Meeresschildkröte. Ich beobachtete sie eine Weile, während sie um eine Koralle herumpaddelte und versuchte ihr zu folgen, als sie vom Ufer fortschwamm. Wieder war ich überrascht festzustellen, dass ich nicht mit ihr mithalten konnte. Als ich das bemerkte, hörte ich auf mit den Schwimmflossen zu paddeln und liess mich treiben, um sie zu beobachten. In diesem Moment vermittelte sie mir eine wichtige Lebenslehre.“

Casey hörte auf zu reden.

„Casey, Sie können an diesem Punkt nicht mit der Geschichte aufhören. Was hat sie Ihnen beigebracht?“

 

Sie lächelte mich an. „Ich dachte, Sie glauben nicht daran, dass grüne Meeresschildkröten uns etwas zu sagen haben?“

Ich erwiderte ihr Lächeln, „Nun, ich bezweifle nach wie vor, dass sie etwas ’sagen‘ können, aber so wie die Geschichte sich entwickelt, beginne ich langsam an die Möglichkeit zu glauben, dass sie uns etwas lehren können. Was geschah also?“

 

„Als ich mich an der Oberfläche treiben liess, fiel mir auf, dass die Schildkröte ihre Bewegungen der des Wassers anpasste. Wenn sich eine Welle auf das Ufer zubewegte und der Schildkröte ins Gesicht schwappte, liess diese sich treiben und paddelte gerade so viel um ihre Position zu halten. Und wenn die Welle wieder zum Ozean hinausströmte, paddelte sie schneller, um die Bewegung des Wassers zu ihrem Vorteil zu nutzen.
Die Schildkröte kämpfte nie gegen die Wellen an, sondern nutzte sie für sich.
Ich konnte nicht mit ihr mithalten, weil ich die ganze Zeit strampelte, egal in welche Richtung das Waser strömte. Anfangs war das noch in Ordnung, und es gelang mir, auf gleicher Höhe mit der Meeresschildkröte zu bleiben. Ich musste meine Bewegungen sogar manchmal etwas verlangsamen. Aber je mehr ich gegen die hereinrollenden Wellen ankämpfte, desto anstrengender wurde es. Und daher hatte ich nicht genung Kraft übrig, um die zurückströmende Welle auszunutzen.

Während eine Welle nach der anderen zum Ufer rollte und wieder zurückströmte, wurde ich immer erschöpfter und schwamm weniger effektiv. Die grüne Meeresschildkröte dagegen passte ihre Bewegungen den Wellen optimal an und kam daher schneller vorwärts als ich.“

„Casey“, begann ich, „langsam finde ich Gefallen an einer guten Schildkröten-Geschichte…“ „An einer Grüne-Meeresschildkröten-Geschichte“, unterbrach sie mich freundlich.

„Verzeihung, an einer Grüne-Meeresschildkröten-Geschichte! Ich denke, mir gefällt eine gute Grüne-Meeresschildkröten-Geschichte genauso wie anderen Menschen. Sie gefällt mir sogar besonders gut, da ich das Meer liebe. Aber ich verstehe noch nicht, was die Geschichte damit zu tun hat, auf welche Art und Weise Menschen sich für etwas entscheiden, um ein erfülltes Leben zu führen.“

„Und ich hatte so grosse Hoffnungen in Sie gesetzt“, sagte Casey schmunzelnd.

„Okay, okay“, antworte ich, „geben Sie mir eine Minute Zeit.“ Ich dachte über die Dinge nach, die wir vor der Grüne-Meeresschildkröten-Geschichte besprochen hatten. Dann begann ich erneut zu sprechen. „Sie haben gesagt, sobald jemand weiss, warum er hier ist – sobald er seinen ZDE (Zweck der Existenz) kennt -, kann er seine Zeit damit verbringen, Dinge zu tun, die ihn erfüllen.
Sie sagten ausserdem, dass Menschen, die ihren ZDE nicht kennen, ihre Zeit ebenfalls mit deiner Menge von Dingen ausfüllen. Ich schloss daraus, dass sie ihre Zeit mit Dingen verbringen, die ihnen nicht dabei helfen, gemäss ihres ZDE zu leben.“

„So weit, so gut überlegt! Ich glaube, Sie stehen unmittelbar vor einer grösseren Erkenntnis“, sagte Casey.

„Da könnten sie Recht haben“, antwortete ich und schmunzelte über ihren freundlichen Sarkasmus.“Ich glaube, die Schildkröte … die grüne Meeresschildkröte … hat Folgendes gelehrt:

Wenn man nicht auf das ausgerichtet ist, was man gerne tun möchte, kann man seine Energie mit einer Menge anderer Dinge verschwenden. Wenn sich dann die Gelegenheit bietet, das zu tun, was man möchte, hat man möglicherweise nicht mehr die Kraft oder die Zeit dafür.“

„Sehr gut“, sagte Casey. „Und ich weiss zu schätzen, dass Sie erkannt haben, dass es sich um eine grüne Meeresschildkröte handelt, anstatt lediglich um eine Schildkröte.“